RSS

Stammapostel i. R. Leber im Interview – Teil 2

18 Okt

Leber 2Haben Sie sich mittlerweile schon komplett daran gewöhnt, die Gottesdienste als Kirchenmitglied unter gleichen zu besuchen? Und wäre das für Sie auch im Alter zwischen 20 und 65 denkbar gewesen? Hätten Sie sich also ein ganzes Leben ohne Amtsauftrag vorstellen können?

Zum ersten Teil der Frage: Ja, man gewöhnt sich sehr schnell daran. Mir ist es jedenfalls so ergangen. Und ich glaube, die Amtsträger gewöhnen sich ebenfalls mehr und mehr daran, dass ich in der Kirchenbank sitze. Da ist beidseitig ein ganz normales Verhalten. Mittlerweile wird auch nicht mehr erwähnt, dass ich, der Stammapostel im Ruhestand, anwesend bin. Das ist auch gut so. Ich möchte ein Bruder unter Brüdern und Schwestern sein. Und zum zweiten Teil der Frage, zum Leben ohne Amtsauftrag: Ich war mehr als ein halbes Leben lang Amtsträger, da ist schwierig zu sagen, wie man ohne ein Amt gelebt hätte. Sicherlich hätte es ganz andere Perspektiven gegeben – eine ganz andere Art, das Leben zu gestalten. Doch das ist theoretisch. Im Einzelnen kann ich gar nicht sagen wie das Leben verlaufen wäre. Dafür ist ein Amtsauftrag und alles was dazu gehört einfach stark dominierend, stark prägend für das Leben und die Lebensgestaltung.

Sie haben ja auch fast alle Amtsaufträge der Neuapostolischen Kirche nach und nach erhalten. Nur als Hirte und Bezirksältester waren Sie nie tätig. Hätten Sie sich diese Erfahrungen gewünscht statt die Amtsträgerhierarchie so schnell zu durchlaufen? Zwischen Ihrer Ordination zum Evangelisten und Ihrer Ordination zum Apostel lagen nur vier Jahre und zwei Monate…

Ob es nötig gewesen wäre, die anderen beiden Amtsaufträge noch auszuüben, das ist nicht der springende Punkt. Aber zweifellos, ich fand den Wechsel immer etwas schnell. Jede Amtsstufe fordert den ganzen Menschen und erfordert eine gewisse Zeit der Einarbeitung. Schließlich muss man einiges lernen, was mit dem jeweiligen Amt in Verbindung steht. Man muss die Verbindung zu den anvertrauten Glaubensgeschwistern pflegen. Es gilt Vertrauen zu wecken, Vertrauen aufzubauen – und das geht nicht immer schnell. Insofern habe ich das oft bedauert, dass eine neue Aufgabe die vorige so zeitig abgelöst hat. Da hätte ich mir mehr Zeit gewünscht, ja.

Unabhängig davon, wie viel Zeit Sie für die jeweiligen Aufgaben hatten: Welcher war Ihr Lieblings-Amtsauftrag?

Ich war gern Gemeindevorsteher, anfangs als Priester, später als Evangelist. Und fasziniert hat mich diese Aufgabe, weil man ganz engen, ganz direkten Kontakt zu den Glaubensgeschwistern in der Gemeinde hat. Es ist schön Vertrauensperson zu sein, Rat geben zu dürfen, gemeinsam um göttliche Hilfe und Wegweisung beten zu können. Damit sind sehr viele schöne Erlebnisse verbunden. Ich muss sagen: Diese Zeit als Vorsteher möchte ich nicht missen.

Ihre Frau meinte, für sie wäre die schönste Zeit jene gewesen, als Sie Bezirksevangelist waren. Mit der Begründung: Als Bezirksevangelist ist der Radius der zu bedienenden Gemeinden noch nicht allzu groß und Sie kamen jeden Abend nach Hause. Auch vor dem Hintergrund, dass Ihre Kinder zu diesem Zeitpunkt 12 und 14 Jahre alt waren, zeugt die Bemerkung Ihrer Frau von einem großen Verständnis für Ihren Einsatz und die Aufgabenstellung der Kirche an ihre Seelsorger. Ist dieses Verständnis immer gleich geblieben?

Meine Frau kommt – dieser Hintergrund ist nicht unwichtig – aus einer Familie mit vielen Amtsträgern. Beispielsweise war ihr Vater Bezirksapostel. Insofern wusste sie sehr früh um die Beanspruchungen, die mit den Amtsaufgaben einhergehen. Klar ist genauso, dass in der Familie Aufgaben zu erledigen sind, die auch den Einsatz des Mannes erfordern. Doch da sie voll hinter mir stand und steht, hat sie mir bislang immer so gut es geht den Rücken freigehalten. Dafür bin ich sehr dankbar. Und richtig gut funktioniert hat das tatsächlich zu der Zeit, als ich Bezirksevangelist war. Da ist man hauptsächlich – wie sie sagte – im Umkreis der eigenen Gemeinde tätig. Das ist in der Regel alles gut zu managen. Erst recht, wenn die Ehefrau das positiv sieht und entsprechend unterstützt. Und wenn ich für die Familie hier und da mal mehr da sein wollte, ist das immer auf Verständnis der zuständigen Amtsträger und der Glaubensgeschwister gestoßen. Natürlich wird die richtige Prioritätensetzung immer schwieriger, je größer der kirchliche Verantwortungsbereich wird. Allein dadurch, weil man häufig allein, also ohne die Familie, auf Reisen ist. Meine Frau ist – zum Teil auch wegen der Kinder – längst nicht immer mitgereist. Sie hat stets viel Wert darauf gelegt, Verbindung zu ihrer Gemeinde zu haben. Und das bedeutete, dass wir weniger Zeit gemeinsam verbringen konnten. Trotzdem glaube ich sagen zu können, dass das gut gelaufen ist – zum einen vor dem Hintergrund des gegenseitigen Verständnisses, zum anderen deswegen, weil ich zwischendurch auch mal einen Tag frei genommen habe, um etwas für die Familie und mit der Familie zu tun. Ein gewisser Spagat ist das sicherlich, aber ich habe den Eindruck, dass auch meine Kinder diesbezüglich keinen Mangel hatten.

Was sagen Sie Familien von Seelsorgern, die das nicht so hinbekommen oder Mühe haben, ein ähnliches Verständnis wie Ihre Frau aufzubringen?

Darauf kann ich keine generelle Antwort geben. Da muss jede Familie einen eigenen Weg suchen. Wichtig ist das Verständnis der übergeordneten Amtsträger. Schön ist, wenn hier und da gesagt wird: Bleib mal zuhause, mach etwas für dich und deine Familie! Wichtige seelsorgerische Dinge wird es natürlich immer geben, aber genauso gibt es immer Aufgaben, die man ein bisschen schieben oder reduzieren kann – schon steht Zeit für die Familie zur Verfügung. Und schließlich dürfen wir unseren Glauben daran nicht vergessen, dass die Zeit, die wir für das Werk Gottes aufbringen, unter Gottes Segen fällt. Nur bitte nicht missverstehen: Ich warne davor leichtfertig zu meinen, man könne das eine und andere dauerhaft vernachlässigen, es werde am Ende alles gut. Man muss schon seinen Teil dazu beitragen, dass die Familie intakt bleibt und Freude hat.

Doch auch Sie hätten als Ehemann und Vater sicherlich mehr Zeit mit Ihrer Familie verbringen wollen als Ihnen bislang möglich war. Ist ein Stück dieser Zeit im Ruhestand nachzuholen? Ihre Kinder wohnen ja ganz in Ihrer Nähe.

Nein, nachzuholen ist diese Zeit nicht, dieser Zug ist abgefahren. Inzwischen haben meine Kinder ja ein Alter erreicht, in dem sie längst selbstständig sind und ein eigenes festes Familien- und Freundesumfeld haben. Also ist es gut, dass wir unseren Kontakt permanent pflegen und uns zwischendurch Zeit füreinander nehmen. Auch als Stammapostel habe ich mich hin und wieder, wenn ich in der Hamburger Verwaltung war, mit meinen Kindern über Mittag zum Essen getroffen – und damit signalisiert, dass ich ein gemeinsames Leben mit ihnen führen möchte, dass sie immer fester Bestandteil meines Lebens sind, dass ich starkes Interesse daran habe, was sie denken, was sie wollen und was ihr Leben gerade ausmacht. Das hat sich bewährt. Man muss immer Möglichkeiten suchen, das Familienleben zu pflegen und zu fördern.

Apropos Familienleben: Darf ich fragen, wer nun – nach Ihrer Ruhesetzung – vor einem gemeinsamen Essen betet? Zum Beispiel dann, wenn Ihre Tochter und Ihr Schwiegersohn, der das Hirten-Amt trägt, zu Gast sind? Und wie sehen Sie das grundsätzlich, dass sich oftmals die Amtsträgerhierarchie in der familiären Gebetspraxis widerspiegelt?

Ja, dass in Familien und anderen Zusammenkünften meistens der „ranghöchste“ Amtsträger betet, das ist eine Gepflogenheit, das ist üblich. Man kennt es aus den Gottesdiensten und überträgt das dann. Das müsste bestimmt nicht so sein, geschieht aber möglicherweise häufig, um große Diskussionen darüber zu vermeiden. Ich persönlich denke, dass das die aktiven Amtsträger unter sich ausmachen sollen. Jedenfalls sehe ich es in größeren Kreisen nicht als meine Aufgabe, das Gebet zu sprechen. Aber wenn dann keine schnelle Einigung in Sicht ist, dann mache ich das auch. (lacht) Es ist ja kein ehernes Gesetz, das kann man einrichten, wie man will. Und wenn wir im kleinen Familienkreis zusammenkommen, dann ist es so, wie es gerade kommt: Da betet mein Sohn, mein Schwiegersohn und ich beten auch. Das ist nicht festgelegt, sondern sehr frei – wie die Situation gerade ist. Irgendeiner findet sich immer. (lacht)

Das Gebet ist das Eine. Es gibt nun für Sie aber auch weitere Möglichkeiten, Ihre Familie in ihrem Glauben und in der Rolle, die sie in der Gemeinde einnehmen, kennenzulernen. Haben Sie zum Beispiel schon einmal gezielt einen Gottesdienst in der Gemeinde Ihrer Kinder besucht, um sie beim Orgelspielen oder Singen zu sehen? Oder Ihren Schwiegersohn beim Predigen?

Nein, das habe ich bisher nicht gemacht. Wenn sich das mal ergibt, bin ich gern mit dabei. Ansonsten habe ich aber auch nicht das Verlangen, dass ich unbedingt erleben muss, wie die Kinder ihre Rollen in der Gemeinde leben. Ich weiß, welche Aufgaben sie haben und das ist gut so.

Sie besuchen die Gottesdienste also in der Regel nur in Ihrer Gemeinde und in den Kirchen und Hallen, zu denen Sie vom Stammapostel oder Bezirksapostel eingeladen werden: Die Eindrücke sind nicht mehr so zahlreich und bunt wie sie vor Ihrem Ruhestand waren. Als Sie letztes Jahr von Lübecker Jugendlichen interviewt wurden, haben Sie noch von den Gemeinden in Sambia geschwärmt. Fehlen Ihnen im Ruhestand diese multikulturellen Eindrücke und vielen persönlichen Kontakte zu Ihren Glaubensgeschwistern?

Es sind schöne Erinnerungen, die ich auch weiter in mir trage. Ich habe großartige Erlebnisse gehabt und großartige Dinge erfahren. Die Gemeinschaft mit den Glaubensgeschwistern war einfach toll. Aber: Die Tür ist zu. Seit dem Ablauf der aktiven Zeit ist das beendet und ich hänge diesen Tagen und Jahren nicht wehmütig nach. Nein, da habe ich keinerlei Bedauern.

Kommen wir noch auf ein Buch zu sprechen, das nun im Bischoff Verlag erhältlich ist. Bezirksevangelist Fritz Nicolaus hat von Ihnen ein Porträt auf 200 Seiten gezeichnet: Nahe zu Gott, nahe zu den Menschen. An Ihrer Nähe zu Gott wird sich wohl nichts ändern. Aber „nahe zu den Menschen“, das gestaltet sich im Ruhestand sicher anders.

Ja, das ist anders als zuvor, aber Kontakt ist nach wie vor da – hauptsächlich eben in und mit meiner Gemeinde. Dort gibt es neue Möglichkeiten, um nahe zu den Menschen zu sein. Da weiß ich um Schwierigkeiten, um berufliche Probleme, um gesundheitliche Sorgen und so weiter. Das alles mitzuerleben und mitzutragen, das finde ich sehr schön und bereichernd. Erst recht, wenn man helfen kann und füreinander betet. Grundsätzlich kann man sagen: Was vorher weltweit und damit zwangsläufig in Teilen etwas oberflächlicher war, ist nun lokal und hat sich entsprechend intensiviert. An meiner Haltung hat sich dabei nichts geändert, die ist geblieben: Nahe zu Gott, nahe zu den Menschen.

In dem Buch erfahren die Leser unter anderem, dass Sie auf dem Gymnasium zwei Klassen übersprungen haben, in Frankfurt und Kanada studierten, dann promovierten und später, bereits als Bischof, nahe dran waren, eine Stelle im Vorstand einer Versicherungsgesellschaft zu übernehmen. Doch dann haben Sie erfahren, dass Sie Apostel werden sollten – und beendeten Ihre Karriere. Haben Sie sich in all den Jahren irgendwann einmal in Ihren alten Beruf zurückgewünscht? Haben Sie sich jemals ertappt, bei der Frage: Wo stünde ich jetzt, wenn ich als Mathematiker weitergemacht hätte?

Dass solche Fragen irgendwann kommen, ist – glaube ich – normal. Ein Beispiel: Ich hatte damals einen Mitarbeiter, der heute Aufsichtsratsvorsitzender der ganzen Versicherungsgruppe ist, bei der ich früher tätig war. Als ich das hörte, habe ich schon spontan gedacht: Unter Umständen wäre das wohl auch für mich möglich gewesen. Aber nicht bedauernd! Ich habe die Aufgabe als Amtsträger mit ganzer Seele gemacht, mit ganzem Einsatz, so gut ich es tun konnte. Und dann erlebt man so viel Schönes, was im Beruflichen überhaupt nicht zu erleben ist, nicht einmal annähernd.

Und hätten Sie sich für die Vorstandslaufbahn entschieden, wären Sie heute wahrscheinlich noch nicht im Ruhestand. Es gibt noch eine weitere Person, die heute – historisch betrachtet – eigentlich nicht im Ruhestand wäre: Papst Benedikt XVI. In Ihrer Amtszeit hatten Sie sich um ein Gespräch mit ihm bemüht, was jedoch erfolglos blieb. Wäre es nicht denkbar, sich nun als zwei Ruheständler zu treffen?

(lacht) Denkbar schon, aber die Katholische Kirche hat eine solche Größe und ist ganz anders aufgestellt, dass da solche Dinge auch unter politischen Gesichtspunkten betrachtet werden und viele Aspekte eine Rolle spielen. Daher wird man, so denke ich, nicht jedem Zugang gewähren – was ich verstehen kann. Wenn sich aber eine Möglichkeit ergäbe, würde ich mit großem Interesse einem solchen Treffen zusagen. Nur realistisch ist das wahrscheinlich nicht.

Das nächste große innerkirchliche Treffen vieler Apostel – eben auch jener im Ruhestand – wird in München 2014 im Rahmen des Internationalen Kirchentages und des Pfingstfestes sein. Sind Sie zu diesem Zeitpunkt völlig im Ruhestand angekommen oder übernehmen Sie noch eine Aufgabe, etwa ein Vortrag oder eine Podiumsdiskussion?

In der Tat gibt es ein paar Überlegungen in diese Richtung. Und ich bin auch nicht abgeneigt, mich dort einzubringen. Dass ich im Ruhestand bin, bedeutet für mich nicht, keine Aufgaben mehr anzunehmen. Wenn das gewünscht wird, bringe ich mich gern weiterhin ein.

Der Kirchentag 2014 steht unter dem Motto: „Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Haben Sie auch ein Motto für Ihren Ruhestand?

Kein Motto, das speziell auf den Ruhestand ausgerichtet wäre. Gewisse Worte haben mich einfach in meiner Zeit als aktiver Amtsträger immer begleitet, und diese begleiten mich nun auch im Ruhestand, zum Beispiel „Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand.“ (Sprüche 3,5) oder: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12,21)

Quelle: NAK Norddeutschland

 
Kommentare deaktiviert für Stammapostel i. R. Leber im Interview – Teil 2

Verfasst von - 18. Oktober 2013 in Interviews

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

 
%d Bloggern gefällt das: